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 Thailand verstehen
In den Thai-Foren im Internet und in Leserbriefen an die deutschsprachigen Zeitschriften in Thailand, wird immer wieder über Dinge geklagt, die uns Farangs in Thailand unverständlich vorkommen. Um das Land und seine Menschen zu verstehen, sollte man sich aber darüber klar sein, daß man sich in einem Land befindet, in dem andere Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der Moral und der Rechtspraxis gelten. Die Thai Kultur, und die für Thais geltenden Regeln für das Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft sind komplex, und unterscheiden sich in vielen Dingen von dem, was wir Farangs für richtig und angemessen halten. In Thailand ist eben zwei und zwei manchmal drei, und es hat für den Farang wenig Sinn sich darüber aufzuregen, denn es ist nun mal so.
In Thailand fahren nicht nur die Autos auf der falschen Straßenseite, auch die Thai-Logik unterscheidet sich stark von den uns Farangs angeborenen, oder anerzogenen Vorstellungen vom Lauf der Welt. Dinge die wir nach unserer westlichen Wertordnung als verdammenswert ansehen, sind hier ganz normal. Und Dinge die wir als ganz normal und selbstverständlich ansehen, veranlaßt die Thais uns für ‘ba-ba-bo-bo”, sprich etwas verrückt zu halten.
Jede Gesellschaft lebt nach gewissen Spielregeln oder Gesetzen. Es ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, einen Kulturkreis, in dem man nicht aufgewachsen ist im seiner ganzen Komplexität zu begreifen, da vieles einfach nicht zu erklären ist. Es ist einfach so, weil es halt schon immer so gemacht wurde. Das Problem vieler Farangs ist, daß sie ihre eigenen moralischen Vorstellungen und Wunschträume auf Thailand übertragen, und der Meinung sind, unsere deutschen Verhaltensnormen wären das Maß aller Dinge
Die Thais waren seit Jahrhunderten entweder Reisbauern oder Aristokraten. Es gab keine Mittelschicht bis auf die chinesischen Händler, die heute praktisch das ganze Wirtschaftsleben in der Hand haben.
Man muß sich auch vor Augen halten, daß Thailand als einziges Land der Region nie kolonialisiert war, und daß die Thais nicht ohne Grund stolz darauf sind. Es ist aber auch ein Fakt, daß die umgebenden Länder aus der Zeit der Kolonialisation einige Dinge mitbekommen haben, die Thailand jetzt erst mühsam nachholen muß, wie z. B. die bessere Infrastruktur in Malaysia, die Spielregeln der Demokratie (Volksherrschaft), oder ganz allgemein das Verständnis westlicher Lebensart.
Da Thais nie kolonialisiert waren, fehlt Ihnen auch der Groll der ehemaligen Kolonialvölker gegen ihre europäischen Kolonialherren. Was sie aber dafür haben ist ein eingefleischtes Mißtrauen gegen die fremden Langnasen, die hierher kommen und angeblich nur ihr Bestes wollen. Die Thai haben es durch ihre pragmatische Art geschickt verstanden sich ihre Freiheit und Selbständigkeit zu bewahren ,als alle umliegenden Länder von europäischen Großmächten annektiert und ausgebeutet wurden. Heute ist die Macht der Bajonette, die während der Kolonialzeit zur Beherrschung anderer Völker dienten, durch das Kapital abgelöst worden. Wer will ernsthaft bestreiten, daß die Welt heute nicht durch die im Vordergrund stehenden Politiker, sondern durch das dahinter stehenden Kapital regiert wird. Es ist daher selbstverständlich, daß die Furcht der Thais durch fremde Armeen okkupiert zu werden, durch die Furcht ersetzt worden ist, durch fremdes Kapital erobert zu werden. Viele der uns Farangs unverständlichen und fremdenfeindlich erscheinenden Maßnahmen der Thairegierung, entstammen dem althergebrachten Mißtrauen gegen alles was aus dem Westen kommt, vom Weltwährungsfond, bis zu den Farangs, die sich hier im Lande niederlassen wollen.
Die thailändische Politik ist im wesentlichen davon gekennzeichnet, daß es ihr darum geht, das eigene Land vor zu viel fremden Einfluß zu schützen. Da das Land aber gleichzeitig auf das Geld der Farang-Touristen angewiesen ist, ergibt sich daraus der Eiertanz mit Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis und Eigentumsbeschränkungen, der uns Farangs so aufstößt.
Nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen werden vor allem die vielen kleinen Existenzgründer aus Farangländern, die mangels mitgebrachtem Kapital automatisch unter dringendem Verdacht stehen, aus dem schon für Thais nicht ausreichenden Topf abzuschöpfen zu wollen. Zur Abwehr dieser Vögel hat die Thai Regierung eine Reihe von Gesetze und Verordnungen erlassen, die zu übertreten für den Mini-Existenzgründer fast unumgänglich ist, wenn er nicht in kürzester Zeit wieder mittellos nach Hause fliegen will
Unterschwellig herrscht hingegen bei vielen Europäern die Meinung, aus einer überlegenen Kultur zu stammen. Daraus leiten sie dann die Selbstverständlichkeit ab, alles besser zu können. Sie bekommen ja auch täglich mit, wie vor allem die jüngeren Thais dem westlichen Lebensstil nacheifern. Und übersehen dabei, daß es bloß um Äußerlichkeiten und Materielles geht. Im Innern sind sie Thais und mit ihrer Kultur nach wie vor eng verbunden.
Vor allem manche Touristen, die sich oft in Thailand aufhalten, fallen mit dieser "Ich-weiss-alles-besser" Mentalität unangenehm auf. Dabei haben sich nur die wenigsten die Mühe gemacht, sich mit Geschichte, Kultur und Lebensweise der Thais außerhalb der Touristen-Hochburgen ernsthaft auseinanderzusetzen. Kraß ausgedrückt: Sie halten den Flughafen in BKK, den Weg nach Pattaya und die Szene dort für repräsentativ für das ganze Land.
Wohl kaum einer von uns ist mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden, aber jeder in ein Sozialsystem, das ihn von der Wiege bis zur Bahre begleitet und dafür sorgt, daß er weder unter Hunger, noch existentieller Not leiden muß.. Diese "Grundsicherung" mitsamt bester ärztlicher Versorgung hat bei uns jeder, egal ob er nun zu alt, zu blöde oder auch nur zu faul, ist um sich mit Arbeit über Wasser zu halten. Aus dieser Position nun auf die Dummen“ oder „habgierigen“ Thais herabzublicken, ist einfach überheblich.
Dieses Land besteht wie ein Puzzle aus vielen Teilen. Anstatt einzelne Teile des Puzzles herauszunehmen und zu analysieren, sollte man sich besser bemühen das Puzzle zusammenzusetzen und als Ganzes zu betrachten. Dazu ist es erforderlich sich zu bemühen, die Tradition und Kultur des Landes, die ja die in der Regel dem einzelnen gar nicht bewußt werdende Triebfeder hinter allen Handlungen sind, zu verstehen. Die gesamte thailändische Gesellschaftsordnung ist darauf ausgerichtet, das Gesicht nicht zu verlieren. Der Verlust des Gesichts ist eine der schlimmsten persönlichen Katastrophen im Leben eines Thai und wird von uns Farangs an Bedeutung meistens unterschätzt. Wenn man das Handeln der meisten Thais mit dem Wort " Gesichtsverlust " in Einklang bringt, dann kann man ihr Verhalten meist besser verstehen
Das wichtigste für den Farang ist aber nicht die Thais zu verstehen, sondern sich auf ihre Eigenarten und Methoden einzustellen und bei seinen eigenen Planungen und Handlungen in Rechnung zu stellen. Thais haben ihre eigenen Methoden alle Dinge zu tun, und man wird als Farang nicht in der Lage sein daran etwas zu ändern. Wer es doch nicht lassen kann, befindet sich in der Lage eines Schwimmers, der versucht in einem schnell strömenden Fluß gegen die Strömung flußaufwärts zu schwimmen. Er kann sich abmühen wie er will, alle seine Kräfte verschwenden, er kommt keinen Schritt vorwärts, oder wird von der Strömung mitgerissen. Anstatt sich so abzuquälen, um dann doch am Ende resigniert aufzugeben, ist es besser, seine Energie zu nutzen, um mit dem Strom schwimmend am besten vorwärts zu kommen, oder sich vom Strom treiben zu lassen, und seine Energie darauf zu konzentrieren, nicht mit einem Hindernis zusammenzustoßen.
Das heißt auch darauf zu verzichten, den Thais immer wieder vorzubeten, wie effektiver oder gar moralischer es wäre, wenn sie Dinge auf unsere westliche Art erledigen würden. Thailand ist seit jeher ein in starkem Maße nationalistisch und autoritär geführtes Land. Dieser Jahrhunderte alte Führungsstil bedeutet für den Thai normalen Alltag, der Farang hingegen, der versucht kritisierend einzugreifen, wird aber nur das Gegenteil des Gewollten erreichen, da es den Thais ihr nationales Selbstverständnis verbietet, von Ausländern Ratschläge anzunehmen. Wenn die Farangs aufhören würden sich ständig über die Unzulänglichkeiten in diesem Land zu beklagen, und die Thais aufhören würden den Farangs mit Mißtrauen, Neid und Habgier zu begegnen, wäre Thailand das Paradies auf Erden.
Günther Ruffert

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